Bei Menschen, die Selbstmord begangen haben und als Kind missbraucht worden sind, finden sich im Gehirn genetische Veränderungen. „Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass Vernachlässigung und Missbrauch unmittelbare biologische Effekte nach sich ziehen“, erklärt Dr. Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater (BVDP) und verweist auf eine Studie von kanadischen Wissenschaftlern um Moshe Szyf von der McGill Universität in Montreal, die im Online-Fachjournal Public Library of Science (PLoS) veröffentlicht wurde.
Die Forscher untersuchten die Gehirne von 18 Männern, die Selbstmord begangen hatten und als Kind missbraucht oder vernachlässigt worden waren, und verglichen die Ergebnisse mit 12 Männern, deren Tod andere Ursachen hatte, die aber unter psychische Problemen, wie zum Beispiel Angststörungen, litten. „Im Erbgut aller 18 Suizidopfer lagen Veränderung der Erbsubstanz vor, die sich auf die Proteinproduktion in den Nervenzellen auswirkte“, erläutert Dr. Roth-Sackenheim. „Die Veränderungen lagen dabei nicht in den Genen selbst, sondern in den Regionen der DNA, durch welche die Genaktivität geregelt wird, in diesem Fall in den regulatorischen Regionen für ribosomale RNA (rRNA). Diese Art der RNA bildet die Bausteine für die so genannten Ribosomen, die zur Produktion von Proteinen notwendig sind.“
Bei diesen Veränderungen der DNA kommt es zu einem chemischen Prozess, der so genannten Methylierung. Die Auswirkungen auf das Erbgut nennt man epigenetische Veränderungen, da die DNA-Sequenz selbst nicht betroffen ist, sondern die Häufigkeit, in der sie abgelesen wird. „Diese Veränderungen können auch an Nachkommen weitergegeben werden, so dass möglicherweise die Auswirkungen von Vernachlässigung und Missbrauch an die nachfolgende Generation weitergegeben werden können“, berichtet die Vorsitzende des BVDP.
„Weitere Forschungen werden zeigen müssen, ob sich ähnliche Veränderungen an der DNA in Blutzellen feststellen lassen. Ein solcher Test könnte es möglicherweise erlauben, krankhafte Veränderungen, die zu einem erhöhten Suizidrisiko führen, zu erkennen und so die betroffenen Patienten rechtzeitig zu behandeln“, sagt Dr. Roth-Sackenheim.