Personen, die eine unrealistisch hohe Selbsteinschätzung von sich haben, zeigen erniedrigte Aktivitäten in bestimmten Bereichen ihres Gehirns. Zu dieser Erkenntnis gelangten US-amerikanische Wissenschaftler von der University of Texas in Austin in einer Untersuchung, die im Fachmagazin „NeuroImage“ veröffentlicht wurde. „Je weniger die Frontallappen des Hirns eingesetzt werden, desto mehr sieht man sich selbst durch die so genannte rosarote Brille“, berichtet Dr. Curt Beil vom Berufsverband Deutscher Neurologen in Krefeld und bezieht sich dabei auf die aktuelle Untersuchung. „Umgekehrt haben Menschen mit einer angemessenen Selbstreflexion auch entsprechend stärkere Aktivitäten in ihren Frontallappen. Je präziser die Selbsteinschätzung, desto stärker ist die Aktivität in den entsprechenden Bereichen.“
An der Untersuchung nahmen 20 Freiwillige teil, die verschiedene Fragen zu ihrer Person beantworteten sollten. Währenddessen unterzogen sie sich einer Magnetresonanztomographie (MRI), um dadurch parallel die Aktivitätsmuster im Hirn bildlich darstellen zu können. Dabei sollten sich die Probanden bezüglich verschiedener positiver und negativer Eigenschaften mit anderen vergleichen. Darunter waren Eigenschaften wie Beliebtheit, Bescheidenheit und Reife sowie Unzuverlässigkeit, Unordentlichkeit oder dem Hang zu Materialismus.
Die Teilnehmer, die insgesamt ein besonders positives Bild von sich selbst hatten, zeigten in einem bestimmten Bereich des präfrontalen Kortex (orbitofrontaler Kortex) eine geringe Aktivität. Diese Region des Frontallappens spielt allgemein beim logischen Denken, dem Planen, der Problemlösung und der Entscheidungsfindung eine Rolle. Umgekehrt hatten die Freiwilligen, die eine realistische Selbsteinschätzung hatten, deutlich mehr Aktivität in diesem Bereich des Gehirns – viermal mehr, als die Teilnehmer, die sich besonders positiv sahen.
„Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass Störungen in den Frontallappen mit mangelnder Einsicht in Zusammenhang stehen und bei der Selbsteinschätzung des Menschen eine Rolle spielen“, kommentiert Dr. Beil. „Sie können dabei helfen, zu verstehen, warum verschiedene Erkrankungen, Drogenmissbrauch oder auch Alterungserscheinungen bei Menschen mit bestimmten Charakterzügen oder Verhaltensänderungen einhergehen.“