Blinde können dank eines neuen Geräts, das die Zunge als Schaltstelle für per Kamera aufgenommene Bilder nutzt, wieder sehen – zumindest gut genug, um Konturen erkennen und Entfernungen abschätzen zu können. Der so genannte BrainPort ist ein Projekt des renommierten amerikanischen National Eye Institutes (NEI) in Bethesda bei Washington. Es wird zurzeit von drei US-Bürgern getestet. „Die Idee des BrainPort ist es, defekte Sinne zu ersetzen“, erklärt Programmleiter Michael Oberdorfer vom National Eye Institute. „Das Hirn ist formbar und es lernt, auch über Umwege an Informationen zu kommen. Und ein Organ, das sich wegen seiner extremen Sensitivität dazu eignet, ist die Zunge.“ Die Testperson trägt eine Sonnenbrille mit einer winzigen Kamera auf der Nase. Die digitalen Kamera-Bilder werden in elektrische Signale umgewandelt und über bis zu 600 Elektroden als Pixel an die Zunge weitergegeben. Die Elektroden laufen in einem drei Quadratzentimeter großen Plättchen aus, das wie ein Lutscher in den Mund geschoben wird. Und die Zunge nimmt die Reize wahr und leitet sie an das Gehirn weiter.
Erste Ergebnisse sind ermutigend, vor allem für die blinden Patienten. „Die Ärzte kullerten mir einen Tennisball zu, da fing auf meiner Zunge ein kleiner Punkt zu prickeln an“, beschreibt eine der Testpersonen seine Empfindungen. „Je näher der Ball kam, umso größer wurde der fühlbare Punkt auf meiner Zunge. Mit einem Mal hatte ich ein Bild von dem kullernden Ball auf dunklem Grund im Kopf und es gelang mir, nach ihm zu greifen.“ Der im Jugendalter erblindete Patient sah auch zum ersten Mal schemenhaft die Gesichter seiner Frau und Kinder. Schwarz-Weiß-Bilder wie auf Foto-Negativen seien es – „eine fabelhafte Ergänzung zu den Bildern, die ich mir bereits von ihnen durch meine übrigen Sinnesorgane gemacht hatte. Plötzlich konnte ich gezielt nach einer Kaffeetasse auf dem Tisch greifen und als mein Sohn vor einem Jahr lesen lernte, habe ich mit ihm die Wortkärtchen üben können.“ Das Trainieren mit dem neuen Gerät ist nach Angaben der Testperson aber auch ermüdend. „Es ist, als lernte man eine völlig neue Sprache. Doch wenn es eines Tages gelingt, dass blinde Kinder bereits mit diesem Gerät aufwachsen, werden sie damit als Erwachsene spielend umgehen können.“
Nach rund zwölf Jahren der Entwicklung wartet die Herstellerfirma, die den BrainPort in Zusammenarbeit mit der Universität Madison erarbeitet hat, nun auf grünes Licht von den Kontrollbehörden. Wenn die Tests weiterhin erfolgreich sind, könnte das Gerät schon bald in den Handel kommen. Billig ist es allerdings nicht: Derzeit kostet der BrainPort noch rund 10.000 US-Dollar – umgerechnet 7.200 Euro.
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